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„Nutzlos – und ein wirtschaftliches Desaster“




In Lamu, einem Inselarchipel an der Küste Kenias, entstehen ein Hafen und ein Kohlekraftwerk. Was bedeutet der Bau des Hafens für Mensch und Umwelt? Und ist das offenbar überdimensionierte Kohlekraftwerk noch zu stoppen? Gibt es einen Dialog zwischen dem Netzwerk ‚Save Lamu’ und der Regierung? Ein Gespräch mit Gino Cocchiaro von Natural Justice, Kenia.

Elisabeth Schmidt-Landenberger: Erst der Hafen, dann ein Kohlekraftwerk auf dem Inselarchipel – was hat die Regierung in Nairobi den Menschen in Lamu versprochen?

Gino Cocchiaro: Das Ministerium für Energie hat verkündet, es wolle die Energiekapazität des Landes deutlich anheben, um Kenia attraktiv für ausländische Investoren im Industriesektor zu machen. Ein Teil dieser neuen Kapazität soll nun aus dem kohlebetriebenen Kraftwerk kommen. Und der Bau des Hafens ist ja Teil des Korridor-Projektes „Lamu Port South Sudan and Ethiopia Transport (LAPSSET)“, das den Transport von Erdöl aus Süd-Sudan und nun auch Kenia, zu dem Hafen in Lamu anstrebt.

Birgt der Hafen möglicherweise – mehr als das Kohlekraftwerk – eine Chance, die Region wirtschaftlich zu stärken?

Im Vergleich zu anderen Teilen des LAPSSET-Projekts könnte der Hafen den regionalen Handels durchaus stärken. Diese Erwartungen werden aber durch den andauernden Konflikt in Süd-Sudan deutlich gedämpft – und durch die Ankündigung der Regierung Ugandas, ihr Öl eher durch Tansania als durch Kenia zu transportieren.

Sind die Menschen vor Ort in die Planung einbezogen worden?

Mit den ersten Arbeiten an dem Hafen wurde bereits zu einem Zeitpunkt begonnen, als der gesetzlich dafür vorgeschriebene Umwelt-Management-Plan (environment impact assessment (EIA)) noch gar nicht abgeschlossen war. Das EIA hat auch nur diejenigen Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen, die von dem Hafen der ersten Bauphase – mit drei Anlegeplätzen – unmittelbar betroffen sind. Die Baupläne sehen jedoch 20 Anlegeplätze vor; und ein Hafen von solch einer Größe hat natürlich Auswirkungen auf das ganze Inselarchipel und betrifft weit mehr Menschen in Lamu.

Aber viele Menschen hatten zu Beginn tatsächlich Hoffnung und haben die Projekte begrüßt?

Es ist ein sehr umstrittenes Thema, das die Gemeinden in Lamu spaltet. Es gibt Leute, die davon überzeugt sind, dass es bald Jobs im Überfluss geben wird; viele von ihnen unterstützen das Projekt vehement. Andere wiederum sehen die Entwicklungen skeptisch und fürchten neue Arbeitsplätze sogar, da sich diese nachteilig auf ihre ursprüngliche Lebensart in der Region auswirken könnten.

Und viele machen sich vor allem Sorgen um ihre Lebensgrundlagen, die von dem Bau des Hafens zerstört werden oder zumindest bedroht sind.

Wir können davon ausgehen, dass die Fischer am stärksten betroffen sein werden. Sie nutzen das zukünftige Hafengebiet nicht nur, um zu fischen, sondern auch als einen Transportkorridor zu benachbarten Regionen. Für viele Menschen ist das zukünftige Hafengebiet zudem die einzig mögliche Verbindungsroute zu Verwandten oder ihrem Arbeitsplatz auf nahegelegenen Inseln. Neben den Menschen ist ganz sicher die noch intakte und unglaublich hohe Biodiversität in der Region stark bedroht.

Gibt es über diese Sorgen einen Dialog zwischen der Regierung in Nairobi und dem Netzwerk „Save Lamu“?

Save Lamu wird unterstellt, es stelle sich der Zukunft und Entwicklung in den Weg. Ein produktiver Dialog ist deshalb sehr schwierig. Save Lamu lässt sich natürlich nicht davon abhalten, weiterhin alles zu tun, um zu informieren und zu agieren – auf nationaler sowie internationaler Ebene. Die Organisation hat übrigens Berufung gegen die Lizenzvergabe an das Kohlekraftwerk eingelegt. Ob dieser Schritt erfolgreich sein wird, werden die kommenden Monate zeigen.

Bereits jetzt scheint ja auch festzustehen, dass die Energie dieses Kohlekraftwerkes gar nicht gebraucht wird.

Der dritte, mittelfristige Plan zur Entwicklung des Energiesektors in Kenia sieht vor, dass die Stromnachfrage von 1,512 MW im Jahr 2014 bis 2030 auf 15,000 MW steigen wird.

Der ehemalige Vorsitzende der Kenianischen Energie Regelungskommission hält diese Schätzungen allerdings für abwegig. Er gibt an, die Nachfrage werde sich im Jahr 2030 auf lediglich etwa 5000 MW belaufen, wenn man den Schätzungen aktuelle Wachstumszahlen zu Grunde lege.

Was würde das bedeuten?

Ein so verhaltenes Wachstum würde bedeuten, dass das geplante Kohlekraftwerk nicht nur nutzlos wäre, sondern auch ein wirtschaftliches Desaster nach sich ziehen würde: Die jährliches Kosten beliefen sich voraussichtlich auf 370 Mio. US-Dollar und zwar unabhängig davon, ob der Strom letztendlich gebraucht wird oder nicht. Leider ist dieser Punkt kaum Gegenstand öffentlicher Debatten. Das gängigste Narrativ ist das der Sorgen über mögliche Umweltschäden. Aber die spielen für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger Kenias in Nairobi und Umgebung kaum eine Rolle.

Gibt es noch irgendeine Chance, das Kraftwerk kleiner zu fahren?

Der oben erwähnte ehemalige Vorsitzende der Kenianischen Energie Regelungskommission hat vorgeschlagen, das Kohlekraftwerk durch eine deutlich kleinere Anlage zu ersetzen. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass sich die Befürworterinnen und Befürworter des Projektes darauf einlassen werden.

Gino Cocchiaro ist Anwalt bei der Organisation Natural Justice in Nairobi, Kenia. Er ist Direktor der Organisationsarbeit in Kenia und Leiter des Rohstoff- und Infrastruktur-Programms, das in Kenia und Zimbabwe stattfindet.

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